Kopftuch oder Tuch auf dem Kopf

Frau mit Kopftuch und Tasse in der Hand blickt in die Kamera

Zeit zum Reine machen…

Manchmal ist die Zeit gekommen, um angestauten Ballast loszuwerden. Frühjahrsputz nennen das viele, was bloß nicht in die Jahreszeit passt. Warum nicht auch mal Herbstputz machen? Denn ich hab einiges, dem ich mich entledigen muss, weil sonst, metaphorisch gesprochen, mein Kopf platzt. Oder mein Kopftuch?

Das ist einfach so. Da staut sich so einiges an, das raus muss. Wut, Frust, Trauer, Unverständnis. Es muss raus, damit man entlastet ist. Bei manchen hilft es zu fluchen, bei manchen laufen. Bei mir hilft schreiben.

Ein Hai kommt selten allein

Vor einiger Zeit sagte man zu mir: „Vanessa, Du bist unglaublich mutig. Du stehst am sicheren Ufer und springst freiwillig ins Haifischbecken. Ich wünsche Dir einen langen Atem und gute Argumente!“.

Ich musste schlucken. Wenn ich etwas nicht gut kann, dann ist es schlagfertig sein. Manchmal glaube ich mein Gehirn fängt erst an produktiv zu arbeiten, wenn ich etwas verschriftlichen muss. Im Nachhinein hätte ich hunderte Dinge darauf zurückgeben können. Sei es positiv oder negativ. Verständnisvoll oder entrüstend. Die Metapher muss ich nicht erläutern. Jeder, der die Zeilen liest, weiß, was sinngemäß dahintersteckt.

Heute, über zwei Jahre später, krame ich Gesagtes aus dem Hinterstübchen meines Kopfes und komme nicht umhin mich zu fragen: „Hatte sie vielleicht Recht? Warum mache ich mich zur Zielscheibe und woher nehme ich die Kraft den Haien auszuweichen?“ 

Mein eigentliches Ich

Jeder Tag läuft im gleichen Trott. Trott ist wichtig. Vor allem mit Kindern, wenn man Trott mit Ritualen und immer wiederkehrenden Parametern gleichsetzt, die Stabilität in der Entwicklung geben. Es heißt aber auch, Zeit vergehe unglaublich schnell und gefühlt war letzte Woche erst Ramadan und trotzdem beginnt er nächste Woche wieder. Trete ich aus meiner Funktion heraus und stelle mich, bildlich gesprochen, an den Rand, um mir im Zeitraffer anzusehen, wie mein Alltag verläuft, sehe ich mein eigentliches Ich. Ich bin verletzlich und introvertiert. Unorganisiert und ein Kaffeejunkie. Chaotin und ein Büchernerd. Attribute, die das ein oder andere Mal vielleicht kollidieren. Attribute, die man lieber versteckt, mich aber trotzdem zu dem machen, wer ich bin. Auch, wenn es teilweise nicht die charmantesten sind.

Haie fressen Kopftücher!?

Verlasse ich meinen geschützten Raum, kehre ich alle Laster unter den Teppich. Das tut jeder. Man repräsentiert sich am liebsten von der positiven Seite, um für die Außenwelt im besten Licht zu erscheinen.

Es gibt eine Sache, die kann ich nicht mehr unter den Teppich kehren, was auch eigentlich gar nicht nötig ist. Es ist kein Laster. Trotzdem wirft es einen Schatten auf mein Ich. Es liegt im Auge des Betrachters und der Perspektive. 

Die Rede ist von meiner Kopfbedeckung. Meinem Kopftuch. Ein Stück Stoff, mit dem ich mich bewusst den Haien zum Fraß vorgeworfen habe. 

 

Flüchtling oder Krebspatientin

Wenn ich aus dem Haus gehe, bin ich entweder Flüchtling oder Krebspatientin. Das variiert nach Bildungsgrad des Betrachters. Auch wenn obgleich kein kausaler Zusammenhang besteht. Auf konvertiert ist von alleine noch nie jemand gekommen, was ich auch gar nicht voraussetze. Nur einen respektvollen und vor allem ehrlichen Umgang miteinander. Das Mitleid derjenigen, die fälschlicherweise davon ausgehen ich befände mich in onkologischer Behandlung, ist nett gemeint, leider aber falsch platziert. Kläre ich sie auf, ist die Antwort meist ein enttäuschtes „Achso.“.

„[…] dat sieht man Ihnen gar nisch an junge Frau!“

Menschen, die mir ins Gesicht heucheln, wie cool sie doch meinen Lifestyle fänden, und dass ich eben mein Ding durchziehe, erkenne ich nach wenigen Worten. Es ist anstrengend sich zu rechtfertigen, zu erklären und vor allem nicht als diejenige gesehen zu werden, die ich wirklich bin. Neulich war eine Dame an der Kasse im Discounter doch tatsächlich überrascht, dass ich fließend und akzentfrei ihre Muttersprache beherrsche. Als ich ihr entgegnete, ihre Muttersprache sei auch meine, und dass ich auch noch einen akademischen Abschluss habe, der nachweist diese Sprache studiert zu haben, sagte sie: „Ach, dat sieht man Ihnen gar nisch an junge Frau!“. Sie meinte wahrscheinlich meinem Kopftuch sieht man gar nicht an, dass es studiert hat.

Wer muss Pluralität lernen?

Ich bin es Leid mich erklären zu müssen. Zu erläutern wann, wo, wie und warum ich so lebe, wie ich es tue.

„Du hast Dir dieses Leben ausgesucht. Da musst Du nun lernen damit umzugehen.“

Auch das sagte mal jemand zur mir. Aber wer muss lernen? Ich oder die anderen? Ich weiß bereits, dass Pluralität zu Deutschland gehört. Manche leider nicht. Noch nicht?

Manchmal möchte ich die Reißleine ziehen

Manchmal möchte ich einfach die Reißleine ziehen. Meine Intention war immer zu zeigen, dass der Islam keine Nationalität besitzt. Mittlerweile frage ich mich, ob das ohne Kopftuch nicht erfolgreicher verlaufen würde. Denn Erfahrungen haben mir gezeigt, dass es egal ist. Du trägst das Label, das sie Dir aufdrücken, quasi schon mit Dir herum und lieferst es auf einem Silbertablett, um dann in die vorgefertigte Schublade einsortiert zu werden, die genau zwischen unmündig und hinterwäldlerisch liegt. Ohne Vorwarnung und ohne Nachfrage.

Stereotyp, Klischee und Vorurteil

Der Spielraum eine Konversation zu beginnen, die das wiedergibt, was ich mir damit denke, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil das Stereotyp bereits existiert und in dem Moment abrufbereit steht, sobald die Funktion meiner Kopfbedeckung deutlich wird. Ein Klischee wird bedient und mein Gesprächspartner setzt ein imaginäres Häkchen hinter seine Definition von Kopftuch tragender Frau in Deutschland. Dabei ist es vollkommen egal wie das bisschen Tuch auf dem Kopf gebunden ist. Ob zum Turban, unter dem Kinn mit einer Nadel zusammengesteckt oder weit über die Schultern fallend. Mein Gegenüber hat seine eigene Vorstellung davon welchen Funktionsspielraum ein Stück Tuch haben darf. Welcher Funktionsspielraum akzeptiert wird, welcher toleriert. Mit einem Tuch lässt sich prima der Hals wärmen oder Geschirr abtrocknen. Auf dem Kopf hat es nichts zu suchen.

Außer es hat nichts mit der islamischen Kopfbedeckung zu tun, denn dann ist es eben nur ein Tuch auf dem Kopf und kein Kopftuch.

 

Ist ein Kopftuch repräsentativ?

Ich bin müde vom Erklären, Erläutern und Diskutieren. Vielleicht ist aber genau das meine Aufgabe? Aufzuzeigen, warum man das Kopftuch trägt? Vielleicht aber auch nicht, denn es gibt unendlich viele individuelle und persönliche Gründe sich für oder auch gegen das Tragen eines Kopftuchs zu entscheiden. Ja sogar im intermuslimischen Dialog gibt es Kontroversen. Da geht es bloß nicht mehr um das warum, sondern um das wie. Finde ich das jetzt erleichternd oder erdrückend? Noch eine Baustelle, die gefühlt eine Ewigkeit in meinem Kopftuch herumgeistern wird.

Und nun? Abfinden, ignorieren oder doch weiterhin der verbale Zweikampf? Ich weiß es noch nicht. Der Herbstputz ist getätigt. Ich fühle mich leichter.

 

Viele herzliche Grüße und Selam

Eure Vanessa

Du möchtest noch ein Wort zum Freitag lesen? Hier gehts zum letzten Blogpost.

10 Kommentare zu “Kopftuch oder Tuch auf dem Kopf

  1. Emine sagt:

    Hallo Vanessa,
    irgendwie hast du mir total aus der Seele gesprochen! Immer dieses ständige Sich-rechtfertigen-müssen, dass kann wirklich so anstrengend werden. Leider ist das alles so, so wie du es beschrieben hast.

    Mit freundlichem Gruß

  2. Tim sagt:

    Selam, liebe Vanessa,

    das mit den Labels ist eine aufregende Sache. Ich denke oft darüber nach. Ohne Labels=Vorurteile könnten wir nicht leben. Wir müssten jeden Morgen nach dem Motto „Sein oder Nichtsein“ jede Handlung, jeden Menschen von Grund auf hinterfragen. Sogar deinen Kaffeeautomaten müsstest du stundenlang betrachten, um seine Bedeutung neu einzuschätzen. Wir sollten den Vorurteilen nicht mit so großen Vorurteilen begegnen. Sie sind Navigationspunkte, die uns durchs Leben führen. Jedes Wort ist nur eine Dose, die mit einem emotionalen Label beklebt ist. Kritisch wird es erst, wenn man den Inhalt jeder Hülse verschlingt, obwohl man merkt, dass der Inhalt vergammelt ist. Da setzt die persönliche Reflexion ein, zu der jeder von uns in der Lage ist. Ich persönlich halte es mittlerweile so, dass ich den Begriff „Islam“ kaum noch verwende. In den Anmeldebogen für die Schule meiner Tochter habe ich „friedlich“ geschrieben, um dann später zu erklären, dass die Massenmedien in die Dose mit der Aufschrift „Islam“ so viel Gammelfleisch gefüllt haben, dass der Begriff nicht mehr taugt, um sich verständlich zu artikulieren. Wer die Medienlandschaft und die Reaktionen der Bevölkerung im Allgemeinen betrachtet (nicht nur zum Thema Islam), dem fällt mittlerweile auf, dass wir auch in den Bereichen Wirtschaft und Politik eine gewaltige Sprachverwirrung haben. Wir können kaum noch miteinander kommunizieren, weil die Begriffe „gekapert“ wurden: „Verschwörungstheoretiker“, „Deregulierung“, „Strukturreform“, „Sozialneid“ etc.
    Ich denke, dass man mehr darauf achten sollte, wie ein Begriff WIRKT, um einzuschätzen, ob man ihn wirklich noch verwenden sollte. Wenn bei einem Großteil der Bevölkerung in der assoziativen Wolke des Wortes Islam oder Allah die Worte „Unterdrückung“, „Steinigung“, „IS“, „ungebildet“ usw. auftauchen, dann haben die Medien einen hervorragenden Job gemacht und es wird höchste Zeit die Sprache des Volkes zu sprechen, in dessen Mitte man lebt, so wie es der Koran auch empfiehlt. Medien haben leider die Macht aus Menschen gefährliche Waffen zu machen. Beispiele gibt es genug. Wenn ich den glühenden Hass in den Augen einiger Menschen sehe, die über den Islam reden, dann fühle ich mich an das Zitat des schweizer Friedensforschers Dr. Daniele Ganser erinnert, der sinngemäß sagt: „Medien bringen uns dazu Menschen zu hassen und zu töten, die wir gar nicht kennen“. Dr. Ganser ist laut Wikipedia übrigens „Verschwörungstheoretiker“, also vergessen wir brav sein Zitat.

    Schöne Grüße und Frieden,

    Tim

    • Vanessa Tanriverdi sagt:

      Aleikum Selam lieber Tim,
      vielen Dank für Deine ausführliche Nachricht.Ich bin da vollkommen bei Dir. Manchmal habe ich mir sogar tatsächlich schon die Frage gestellt, ob ich nicht vielleicht das Vorurteil habe, dass andere Vorurteile haben. Denn auch ich bin ja nicht gänzlich frei davon.
      Ich muss sagen, der Punkt der Vermeidung von Begriffen, die schon mit Stereotypen und negativen Konnotationen besetzt sind, hat mich wirklich ein paar Tage nachdenken lassen und total beeindruckt. Denn es ist eigentlich ja so simpel. Dafür würde es sich sogar lohnen ein neues Wort zum Freitag zu verfassen. Neue Wörter, die eine positive Reaktion auslösen, als Synonym zu benutzen finde ich eigentlich großartig. Es stellt sich mir bloß eine Frage: Ist es für uns Konvertiten vielleicht nur einfacher manche Begriffe einfach abzuschaffen, als für gebürtige Muslime? Denn bestimmte Wörter haben kulturhistorisch ja auch eine Bedeutung und es wäre vielleicht eher von Nachteil für die islamische Community das Wort zu vermeiden, anstatt es wieder rein zu waschen. Ich denke da zum Beispiel an das Wort „Dschihad“.
      Viele liebe Grüße und Selam
      Vanessa

  3. Zeynep sagt:

    Wegen ählichen Erfahrungen habe ich vor ca 10 Jahren, mit angfangs 20 mein Kopftuch abgelegt. Nach dem ich es als Teenager 6 Jahre stolz getragen hatte, hatte ich keine Kraft mehr jeden Tag diesen Kampf weiterzuführen. In der Schule, Ausbildung und im Job, immer nur auf das Kopftuch reduziert zu werden.
    Heute geniesse ich die Anonymität als Muslimin (aber auch Mutter und Informatikerin) auf den ersten Blick nicht diesen Stempel aufgedrückt zu bekommen. Und das mich die Leute zuerst kennenlernen und erst später meine Religion erfahren.
    Aber wenn ich solche Frauen wie dir begegne, denke ich trozdem immer: „Wow, so selbstbewusst, stark und schön! ?“

    • Vanessa Tanriverdi sagt:

      Selam liebe Zeynep,
      ich kann Dich so gut verstehen.
      Danke für das Kompliment! Das motiviert natürlich um so mehr. Trotzdem ist es wirklich nicht immer einfach. Es jedoch jetzt wieder abzulegen, würde in meiner persönlichen Situation, vor allem in meinem nichtmuslimischen Umfeld, einen falschen Eindruck hinterlassen. Das möchte ich nicht riskieren. Dafür habe ich mich zu bewusst für das Tragen entschieden. Manchmal hilft ja auch schon der verbale Frustabbau. 😛
      Liebe Grüße
      Vanessa

  4. Salma sagt:

    Assalamu alaikum,

    ich verbinde mit deinem Blog und Instagramseite vorallem viele Inspirationen für Ramadan. In Erinnerung habe ich noch das tolle Iftar, das du im Freien organisiert hattest. Es war so schön dekoriert und liebevoll hergerichtet. Ebenfalls mochte ich die Anregung mit dem Grimm’s Bausteineset. Steht seit jeher auf meiner Wunschliste.

    Happy Birthday zum Einjährigen Bestehen! Es werden inschaAllah noch viele schöne, inspirierende Jahre hier folgen. Da bin ich mir sicher :).

    Liebe Grüße
    Salma

  5. Alissa sagt:

    Assalamu alaikum liebe Vanessa,

    ja, die eigenen Landsleute machen es einem nicht immer leicht. Man kann Diskussionen umgehen, indem man im Vorhinein für Sprachlosigkeit sorgt und den „potenziellen Gesprächspartner“ mit ratternden Hirnwindungen zurücklässt: Sich einfach mal im schönsten Dialekt unterhalten, wenn man grad mit Kind/Partner/Bekannten unterwegs ist.

    Bleib stark und alles Liebe

    Salam,
    Alissa

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